Power-Strategie 1 – Aus der Eröffnung ins Mittelspiel

Power-Strategie 1 - Aus der Eröffnung ins Mittelspiel

Pünktlich zum Kurs- und Saisonstart melden wir uns auch wieder mit der Rubrik „DVD-Besprechungen“. Die nun besprochene DVD „Power-Strategie 1 – Aus der Eröffnung ins Mittelspiel“ wurde von dem rumänischen GM Mihail Marin (ca. 2600 Elo) erstellt. GM Marin ist schon vor dieser DVD dank seiner langjährigen Schachpraxis wie Teilnahmen an zahlreichen Olympiaden und Meisterschaften bekannt. Vermutlich mag es einigen auch so gehen wie mir, die diesen Namen vor allem in Verbindung mit Schachbüchern bringt. Mit zehn veröffentlichten Büchern, wovon einige Auszeichnungen gewonnen haben und international bekannt sind, zählt er längst nicht mehr zu den Newcomern. Wie der Titel schon verspricht, soll dem aufmerksamen Zuseher wohl eines der schwierigsten Themen im Schach nähergebracht werden, die Entwicklung und Mobilisierung von Figuren. Nur wer genügend und auch gut postierte Kämpfer in die Schlacht wirft, hat die besten Karten zum Gewinnen!

Aufbau

Die DVD besteht aus 20 Clips mit einer durchschnittlichen Spieldauer von etwa 15 Minuten, was in Summe fast 5 h Videomaterial entspricht, und ist sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch erhältlich. Der Präsentationsstil ist logisch und dem Inhalt ist einfach zu folgen. Es werden nur die wichtigsten Varianten erklärt, wodurch der Inhalt übersichtlich bleibt. Dies wird durch einen interaktiven Abschlusstest mit 8 Aufgaben und jeweiligem Video-Feedback und über 50 kommentierten Muster-Partien abgerundet. Vor allem Letztere versprichen selbst nach dem Anschauen der DVD noch viele interessante Stunden.

Inhalt

Um das Thema Figurenentwicklung kommt kein Schachspieler herum, es ist nun einmal das Wichtigste im Schach! Oft fallen auch so Begriffe wie Tempo, also Zeit, gewonnen, oder auch Entwicklungsvorsprung, welcher sich einfach ergibt, wenn ein Spieler schneller die Figuren entwickelt als sein Gegner. So mag dem einen oder anderen auch das Sprichtwort bekannt sein „3 Tempo sind 1 Bauer wert (zum Opfern)“, und laut Marin vermutlich benötigt es nicht einmal immer diese drei Tempi, sprich Züge Vorsprung. Ein Entwicklungsvorsprung ist wie GM Marin richtig betont ein zeitlich begrenzter Vorteil welcher am besten erhalten bleibt, wenn man sich immer weiter entwickelt und anschließend die Figuren optimal postiert beziehungsweise eine Mobilisierung anstrebt. So ist es auch öfters zu sehen, dass die Seite mit einem Entwicklungsvorsprung, also einen dynamischen Vorteil hat, welcher möglichst bald in etwas handfestes, statisches und stabiles umgewandelt werden kann wie z.B. das Läuferpaar, Abwicklung in ein gewonnenes Endspiel, usw. Klassische Beispiele für Mobilisierung sind Turmschwenke, z.B. zuerst auf die 4. Reihe, dann Richtung Damen- oder Königsflügel) oder die Besetzung eines wichtigen Schlüsselfeldes, z.B. mit einem Springer einen zentralen Vorposten errichten. Hat man dies erreicht, wird man vermutlich über einen Vorteil verfügen, welchen man auch mit Initiative beschreiben kann. Man ist somit die Partei, welche den Ton angibt. Viele Spieler scheuen auch Bauern- oder sogar Figurenopfer nicht, wenn sie dafür Zeit zur Entwicklung und Initiative gewinnen. Was nützt es, wenn man mehr Figuren am Brett hat, diese aber nicht mitspielen dürfen?

Die DVD ist grob in folgende Kapitel unterteilt:

  • Allgemeines
  • Abweichungen von der natürlichen Entwicklung – Bestrafung
  • Einen Entwicklungsvorsprung umsetzen
  • Opfer entwickeln
  • Entwicklung aufholen indem man kleine Bedrohungen ignoriert
  • Das taktische Nutzen von perfekter Entwicklung
  • Testen Sie Ihr Wissen (Interaktiver Abschlusstest)

Um sich den Inhalt etwas besser darstellen zu können, werden nun zwei Beispiele gezeigt, welche GM Marin ausführlich und verständlich erklärt.

Hier erfolgte gerade 15…Txf3. Was ist nun der beste Plan und Zug für Weiß?

PS_01

16.Tfe1! Dies ist ein multifunktionaler Zug! Primär entwickelt er den Turm auf eine offene Linie, welche auch eine exponierte schwarze Grundlinie entblößen könnte falls die Dame von d8 weggelockt wird. Falls nun 16…Tf6 um den Turm in Sicherheit zu bringen, folgt eiskalt 17.Sc7 und Schwarz ist komplett überlastet. Weiß greift mit nur drei Figuren an, aber das reicht leicht, denn auch die Türme sind bereits verbunden, während Schwarz noch seinen ganzen Damenflügel in der Garage stehen hat. Es sei noch erwähnt, dass das Schlagen des Turmes in der Ausgangsstellung 16.gxf3 durch Lxh3 bestraft wird und Schwarz steht angenehm!

In dem zweiten Beispiel ist wiederum Weiß am Zug. Es folgte gerade 16…Db6-c7. Was könnte man mit Weiß nun ziehen, um die saftigen Früchte der Ernte einzufahren?

PS_02

17.d5! Schwarz steht mit dem Rücken an der Wand. Viele Optionen hat er nicht, wodurch er mit 17…exd5 antwortete. Jedoch was folgt nun? 18.Tfe1! Hier dürfte der Schwarzspieler aus allen Wolken gefallen sein, denn auf einmal hat sich der Entwicklungsvorsprung des Weißen bezahlt gemacht. Vor allem der Monarch des Schwarzen verharrt noch in der Mitte des Schachbrettes, welches für die Kombination überaus wichtig ist. Nach zum Beispiel 18…dxe4 19.Dxe4+ De7 ist nach 20.Dc4 Endstation.

Fazit

Der Übergang von der Eröffnung wo man alle Figuren entwickeln sollte, hin zum Mittelspiel wo alle Figuren maximal mobilisiert sein sollten, um jederzeit taktische Drohungen hervorzurufen, ist unweigerlich für jede Spielstärke das Wichtigste überhaupt! Ohne entwickelte Figuren muss und kann man nicht Schach spielen, klingt zwar hart, so ist es aber! Dies dürfte auch für unsere Schützlinge in der Tiroler Schachschule ein überaus wichtiges Thema sein. Vor allem im Anfänger-Stadium erwischt man Spieler öfters mit ein und derselben Figur gemächlich in der Schachgeschichte herum zu hüpfen, bis sie geschlagen wird und die nächste Figur an der Reihe ist. Das sollte natürlich nicht so sein…

Was mir an dieser DVD besonders gut gefällt ist, wie Strategie, wie sollte man die Figuren entwickeln, was sind Mobilisierungszüge, etc., und Taktik ineinandergreifen. Das heißt, wer mehr und besser entwickelte Figuren mitspielen lässt, hat logischerweise mehr Potenzial einmal beim gegnerischen König den Blitz einschlagen zu lassen. Man rechnet hier nicht mit Anzahl von Figuren am Brett, sondern am Ende des Tages, wer setzt den Gegner Matt!

Ich kann diese DVD vor allem Anfängern bis hin zu gutem Clubspieler-Niveau wärmstens empfehlen. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass bald eine Rezension über die zweite DVD „Power-Strategie 2 – Das Mittelspiel – Statische Stellungen“ folgt, auf welche ich schon sehr gespannt bin. Ein kleiner Tipp von meiner Seite, wenn man der englischen Sprache halbwegs mächtig ist, würde ich die DVD auf Englisch anschauen, da ich finde, dass dort sogar noch mehr Pep drinnen ist und GM Marin etwas lockerer wirkt.

Abschließend, wer Lust und Interesse bekommen hat selber seine Figurenentwicklung und Mobilisierung kritisch unter die Lupe zu nehmen, findet die DVD hier im Online-Shop von Chessbase.



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