Power of Exchange

Power of Exchange

Nach einer etwas längeren DVD-Besprechungspause starten wir wieder voll durch und zwar mit „Power of Exchange“, also quasi die Stärke des Abtausches von Figuren. Hier widmen wir uns einer DVD von GM Adrian Mikhalchishin, welchen wir bereits bei der letzten DVD „Winning Structures“ kennengelernt haben. Kurz zusammengefasst, er blickt über eine sehr lange Spielpraxis auf hohem Niveau zurück und zählt weltweit zu den besten Schachtrainern.  Auf dieser DVD geht es um das alte, leidige Thema, wie soll man abtauschen, wann ist es ratsam, wann absolut tabu, etc. Hierüber ist die Literatur ziemlich limitiert, lediglich bekannt sind die Bücher von GM Dorfman welcher teilweise recht ähnliche Ansichten hat wie GM Mikhalchishin.

Macht euch auf was gefasst, der Sprecher dieser DVD zeigt auf beeindruckend einfache Art und Weise die Kunst und Stärke des richtigen Abtauschens von Figuren. Staunen erlaubt! Wenn das richtige Abtauschen doch nicht nur so einfach aussehen würde, sondern auch so wäre 😉

Aufbau

Die DVD wird aus 11 Clips mit einer Gesamtspielzeit von zirka 3 Stunden zusammengesetzt. Der Inhalt auf der DVD wird in Englisch wiedergegeben, welchem jedoch auf Grund des recht einfachen Schach-Vokabulars leicht zu folgen sein dürfte. Es gilt auch hier, dass Mikhalchishin ein gewisses schachliches Niveau voraussetzt, und die DVD nicht für Anfänger zu empfehlen ist. Nichts desto trotz, die Pause-Taste ist hin und wieder sehr hilfreich, jedoch nicht unbedingt nötig, da Mikhalchishin bewusst das Tempo anzieht, wo nicht viel Wesentliches passiert oder es forcierte Zugfolgen gibt. Die Tiefe und Anzahl der Nebenvarianten finde ich sehr angenehm, da wirklich nur auf wichtige Varianten konzentriert wird. Die DVD ist grob in zwei Blöcke aufgeteilt, in Partien von Rubinstein, welcher besonders effizient im Abtausch von Figuren umgegangen ist, und dem zweiten Block in dem Beispielpartien gezeigt werden.

Inhalt

Die Kunst des Abtausches der „richtigen“ Figuren ist laut Mikhalchishin eines der wichtigsten technischen Fähigkeiten im Schach. Wer einmal mit Kinder gespielt hat, diese trainiert, oder sich an seine eigene Kindheit zurück erinnert, bemerkt sofort, dass meist jede Figur abgetauscht wird, und nicht lange nachgedacht wird ob dies nun Sinn macht oder nicht. Vermutlich scheinen es offensichtliche Züge zu sein, bei denen man oberflächlich gesehen keinen Fehler machen kann, da man ja materiell keine Einbußen hat. Das könnte man sich vorstellen, dem ist allerdings nicht so, da der positionelle Faktor meist wichtiger ist wie das aktuelle Material auf dem Brett. So kann man hier auch mit den Vorurteilen aufräumen, das Läuferpaar ist stärker als das Springerpaar beziehungsweise Springer plus Läufer. GM Mikhalchishin zeigt viele Partien wo genau solche wichtigen positionellen Entscheidungen getroffen werden, soll man das Läuferpaar behalten, oder generell in ein Endspiel abwickeln, welche Figuren sind „stark“ oder „schwach“? Mikhalchishin betont auch oft, die Aktivität von Figuren, besonders derer der Türme im Endspiel, und dass man Übergänge zu einem Endspiel immer beachten soll. So wird auch das Prinzip der zwei Schwächen, welche wir bereits in vorangegangenen DVDs kennengelernt haben, hervorgehoben. Im Folgenden werden auszugsweise ein paar Beispiele gezeigt.

Ein etwas einfacheres Beispiel zu Beginn, was für einen Plan könnte Weiß am Zug haben, was charakterisiert die Stellung?

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Der einfachste Plan für Weiß besteht darin die Damen abzutauschen, denn dies ist die einzige schwarze Figur, die die ganze Stellung zusammenhält. Ohne diese ist der Bauer auf a6 nicht zu decken, hingegen die weiße Schwäche auf b3 schon. Somit, 1. Df1!, gefolgt von Sd2, Dc4 und der Bauer auf a6 geht unweigerlich flöten, damit die ganze Partie!

Weiß am Zug, was fällt auf, was sollte Weiß an der Stellung ändern?

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Offensichtlich ist Weiß durch die schwarze Dame und den sehr aktiven Springer etwas bedrängt. Ergo löst das Manöver Sd1-e3 die Problem des Weißen vollständig und er kann anschließend die schwachen schwarzen Felder im gegnerischen Lager unter Beschuss nehmen, dazu wird aber der schwarzfeldrigen Läufer und die Dame benötigt. Auf Dauer ist die Diagonale a3-f8 bzw. c1-h6 Spiel-entscheidend.

Weiß am Zug, Rubinstein tauschte zuvor auf e6 seinen Springer gegen den weißfeldrigen schwarzen Läufer ab.

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Vorweg gesagt, Mikhalchishin beharrt darauf, dass man nicht zählen soll was auf dem Brett ist VOR dem Abtausch, sondern DANACH! Ganz nach diesem Motto tauscht Rubinstein sein Läuferpaar ab und erhält langfristig eine komfortable Stellung: 1. c4 dxc4 2. Lxc6 bxc6 3. Dd4 Dd8 4. Lxf6 Txf6 5. Dxc4 Dd5 6. Tac1 und Schwarz hat mit seinen schwachen Bauern zu kämpfen.

Schwarz am Zug, was sollte man bedenken, was für einen Plan hat Schwarz?

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Generalabtausch auf f3 ist angesagt, dadurch entsteht ein Doppelbauer. Ok, da mag man sagen, das soll es gewesen sein? Nein, denn der schwarze Springer ist in derartigen Stellung meist vorzuziehen. Schwarz hat konkrete Pläne wie z.B., f6, b5, a5 und b4 und dem weißen Läufer gehen die Felder aus. Der Springer besitzt jedoch die Fähigkeit seine Position der aktuellen Stellung anzupassen. Gligoric gewann diese Partie im überzeugenden Stil!

Und zum Schluss noch ein Beispiel von dem aktuell amtierenden Weltmeister Anand, er ist mit Schwarz am Zug!

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Anand zog 1. … Sc4+?! Oberflächlich gesehen schaut der Zug recht gut aus, allerdings wäre der Plan Kd8-c7 und Sc8-e7 vorzuziehen gewesen, da alles ohne viel Risiko zusammengehalten wird. Der Textzug erlaubt jedoch 2. Lxc4! und nun folgt bxc4  (2. … dxc4 erlaubt mehr Gegenspiel) worauf der Springer seine Wanderung über e1-f3 nach h4 beginnt und der weiße König auf c2 zu stehen kommt. Dadurch gibt es zwei Schwächen, den Bauern g6 und die Bauern am Damenflügel, da Weiß mittels b2-b3 die Stellung öffnen kann. Anand verlor die Partie in den nächsten Zügen recht rasch.

Fazit

Ich finde diese DVD „Power of Exchange“ von GM Adrian Mikhalchishin als überaus wertvoll für Spieler ab der mittleren Amateurspielstärke. Da selbst Weltklasse-Spieler hier fehlgreifen, dürfte die Zielpublikum-Grenze nach oben hin offen sein. Sehr eindrucksvoll ist, mit was für einer Leichtigkeit Akiba Rubinstein, als einer der größten Vorreiter bei der Behandlung des „richtigen“ Abtauschens von Figuren, die Stellungen eingeschätzt hat und seinen positionellen Vorteil schön nach Hause gespielt hat. Für mich persönlich wäre es ein grober Fehler das Läuferpaar abzutauschen, und ich hätte diese Varianten wohl nie berechnet, obwohl die Evaluation der Stellung nach dem Abtausch positiv ausgefallen wäre. Unterm Strich eine gelungene DVD von Mikhalchishin, es wurden gute Beispiele ausgewählt, um den Lerninhalt optimal zu vermitteln. Was ich jedoch noch gerne gesehen hätte, wäre eine etwas strukturiertere Präsentation, eventuell mit einem kleinen Schema wie es beispielsweise bei Nimzowitsch „Mein System“ der Fall ist. Das ist zwar etwas hochgegriffen, aber dadurch könnte man grobe Verallgemeinerungen aus dem Weg schaffen und mit kleinen Eselsbrücken grundlegende Regeln/Pläne leichter merken.

Wer sich im Detail mit diesem sehr interessanten Thema, welches oft nur marginal bearbeitet wird, beschäftigen möchte, kann diese DVD hier über den Online-Shop erwerben.



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